
Wie wir unter Druck reagieren – die vier Stressreaktionsmuster


Wenn Druck und Stress uns treffen, zeigen wir, wer wir sind – echt und ungefiltert. Unter Stress fällt die Fassade, und was bleibt, ist ein Reaktionsmuster, das oft schon früh verankert wurde.
Ich nehme mich da nicht raus: Als Stressmanagement-Coachin ist es umso unangenehmer immer wieder zu beobachten, wie man in die alten Rillen tritt! Und ja, ich wüsste schon, wie ich gegensteuern könnte, aber auch ich muss Vieles immer und immer wieder üben. Und barmherzig sein mit mir.
Ein ganz persönliches Reaktionsmuster ist ein Teil von uns, das sich zuverlässig zeigt, immer wieder, oft ohne dass wir es so einfach steuern können. Die Frage ist, wie fangen wir diese Reaktion ein, und wie können wir neues Verhalten installieren und trainieren.
Walter Cannon beschrieb schon 1915 unsere schnellen Reaktionen auf stressige Situationen als „Fight or Flight"-Reaktion. Im persolog® Stressmodell werden vier Reaktionsmuster – Konfrontation, Vermeidung, Rückzug und Nachgiebigkeit – beschrieben und jedes davon hat seine eigene innere Logik, sein eigenes Bedürfnis dahinter und seine eigene Schutzfunktion.
Fangen wir an, sie der Reihe nach kennen zu lernen.
- Konfrontation: Wer von seinen innersten Antreibern her unabhängig sein möchte und sein Umfeld normalerweise aktiv gestalten will, neigt zur sogenannten Konfrontation in Stresssituationen. Gerade unter Stress nochmal dagegen zu halten und zu kämpfen. Druck zu machen und keine Ruhe zu geben. Die größte Befürchtung dahinter: eingeengt zu werden. Steigt der Druck, gehen Menschen mit dieser Verhaltensausprägung die Stressquelle direkt an – sofort und ohne Umweg. Das kann kraftvoll sein und wirksam. Und es kann andere überrollen und unproduktiv enden.
- Wer dagegen als innerer „Motor" Zugehörigkeit und seelisches Wohlbefinden installiert hat, neigt zur Vermeidung von dieser Art stressigen Situation. Auch das grosse Bedürfnis nach Entfaltung lässt diese Menschen solche Situation vermeiden, die sie genau darin einschränken könnten: starre Vorgaben und einschränkende Erwartungen. Unter Stress weicht dieser Mensch den Situationen aus, die wehtun – was von außen wie Desinteresse wirkt, ist innen oft ein leises "Ich halte das gerade nicht aus." Ganz klar ist da auch der Bezug zur Prokrastination.
- Wer nun Sicherheit durch Korrektheit braucht, neigt zum Rückzug von Menschen in stressigen Situationen. Die größte Befürchtung dahinter, einen Fehler zu machen, lässt diese Menschen zurückweichen vor anderen, die diese Fehler entdecken könnten und kritisches Feedback geben könnten. Unter Druck wägt dieser Mensch die Gefahr ab und zieht sich innerlich und äusserlich oft zurück, um die Situation zu durchdenken, bevor er handelt. Was andere dann als Passivität erleben könnten, ist für sie notwendiger Rückzug zum Verarbeiten.
- Wer normalerweise Sicherheit in Gemeinschaft sucht, neigt zur Nachgiebigkeit gegenüber den Menschen im Umfeld. Die größte Befürchtung dahinter: auf sich allein gestellt zu sein. Steigt der Druck, ordnet sich dieser Mensch unter – aus dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit und dem Wunsch nach Gemeinschaft, das in diesem Moment stärker zieht als der eigene Durchsetzungswille. Auf Dauer kann das bis zur Selbstaufgabe gehen und wenig hilfreich sein, für das eigene Leben oder die eigenen Ziele gut einzustehen.
Jedes dieser Muster ist zunächst neutral zu betrachten, und natürlich sollte auch hier nicht in Schubladen gedacht werden, sondern durchaus auch die „Mischtypen" ihre Beachtung finden. Entscheidend ist, ob das Muster bewusst wird, denn wer sein Muster kennt, kann wählen. Wer weiss, wie er „automatisch" reagiert, erkennt auch, welche Alternativen er hat.
Menschen, die hier eine Kompetenz haben, sind sich ihrer persönlichen destruktiven Überzeugungen und ungünstigen Verhaltensweisen bewusst und finden konstruktive Alternativen. Stehen Anforderungen, persönliche Überzeugungen und Ressourcen in einem guten Verhältnis, kann Stress auch produktiv sein und weniger negative Auswirkungen auslösen.
Im nächsten Beitrag schauen wir uns an, was hilft: Wie aktivieren wir Ressourcen – und kommen aus dem Stress heraus, bevor er uns komplett im Griff hat?
by Karin Maurer
www.karinmaurer.com
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